Frankreich gehört zu den Ländern mit der angesehensten Medizinerausbildung weltweit. Die starke Gewichtung der Praxis, frühe Verantwortung im Klinikalltag und ein anspruchsvolles Auswahlverfahren sorgen dafür, dass französische Aärzte international einen exzellenten Ruf geniessen. Für deutsche Studierende ist das Medizinstudium in Frankreich allerdings kein einfacher Weg, um den NC in Deutschland zu umgehen. Die Anforderungen sind hoch, die Sprache ist eine Huerde, und das Auswahlverfahren nach dem ersten Jahr ist extrem selektiv. Wer sich darauf einlaesst, erhaelt jedoch eine herausragende Ausbildung.
Medizinstudium in Frankreich: Überblick
Frankreich hat sein Medizinstudium in den letzten Jahren grundlegend reformiert. Seit dem Studienjahr 2020/2021 wurde das alte PACES-System (Premiere Annee Commune aux Etudes de Sante) durch zwei neue Zugangswege ersetzt: PASS (Parcours d'Acces Specifique Sante) und L.AS (Licence avec option Acces Sante). Ab dem Studienjahr 2027 steht eine weitere Reform an, die das System erneut vereinfachen soll.
Das gesamte Medizinstudium in Frankreich dauert 9 bis 12 Jahre, je nach Spezialisierung. Die Regelstudienzeit bis zum Grundabschluss betraegt sechs Jahre. Danach folgt die Facharztausbildung (Internat), die weitere drei bis fünf Jahre in Anspruch nimmt.
Die Unterrichtssprache ist ausschliesslich Französisch. Es gibt keine englischsprachigen Medizinstudiengaenge in Frankreich. Ohne sehr gute Französisch-Kenntnisse (mindestens C1-Niveau) ist ein Medizinstudium hier nicht realistisch.
Frankreich ist eher eine Option für dich, wenn du die Sprache bereits sehr gut beherrschst und eine erstklassige praktische Ausbildung suchst. Wenn du lieber auf Englisch studieren möchtest, schau dir Alternativen wie Tschechien oder Ungarn an.
Zulassung: PASS, L.AS und das Auswahlverfahren
Die Zulassung zum Medizinstudium in Frankreich erfolgt in zwei Schritten: Erst schreibst du dich in eines der beiden Zugangsprogramme ein, dann musst du das Auswahlverfahren am Ende des ersten Jahres bestehen.
Die zwei Zugangswege
| Merkmal | PASS | L.AS |
|---|---|---|
| Schwerpunkt | 2/3 Gesundheitswissenschaften, 1/3 anderes Fach | 2/3 anderes Fach (z.B. Jura, Biologie), 1/3 Gesundheitswissenschaften |
| Organisation | Durch die medizinische Fakultaet | Durch verschiedene Fakultaeten |
| Versuche | 1 Versuch, das Auswahlverfahren zu bestehen | Bis zu 2 Versuche möglich |
| Plan B bei Nichtbestehen | Wechsel in ein L.AS-Programm im 2. Jahr | Fortsetzung des Bachelor-Studiums |
Das Auswahlverfahren
Das entscheidende Element ist das Auswahlverfahren am Ende des ersten Jahres. Früher war dies eine reine Multiple-Choice-Klausur (der beruechtigte "Concours"). Seit der Reform 2020 werden die Studierenden auf Basis ihrer Studienleistungen und in manchen Faellen zusaetzlicher mündlicher Prüfungen ausgewaehlt.
Die Selektivitaet bleibt jedoch extrem hoch: Nur etwa 20 bis 30 Prozent der Studierenden schaffen den Sprung ins zweite Jahr. Die Zahl der verfügbaren Plaetze wird für jede Universitaet individuell festgelegt. Wer die Auswahl nicht besteht, hat im PASS-System nur einen Versuch. Im L.AS-System darf man es ein zweites Mal versuchen.
Als EU-Buerger kannst du dich über die Plattform Parcoursup (das französische Aäquivalent zu Hochschulstart) direkt für PASS oder L.AS bewerben. In der Region Paris laeuft die Bewerbung über die zentrale Vergabestelle. Für eine Erstimmatrikulation brauchst du in der Regel:
- Beglaubigtes und uebersetztes Abiturzeugnis
- Internationale Geburtsurkunde
- Nachweis der Französisch-Kenntnisse
- Motivationsschreiben (Dossier)
Studiengebühren und Finanzierung
Das Medizinstudium an offentlichen Universitaeten in Frankreich ist für EU-Buerger aeusserst günstig. Frankreich gehört zu den Ländern mit den niedrigsten Studiengebühren in Europa:
- Licence-Phase (1.-3. Jahr): ca. 170 Euro pro Jahr
- Master-Phase: ca. 243 Euro pro Jahr
- Promotion: ca. 380 Euro pro Jahr
- CVEC-Beitrag (Contribution Vie Etudiante et de Campus): ca. 105 Euro pro Jahr (Pflichtbeitrag für Campuseinrichtungen)
Damit belaufen sich die gesamten Studiengebühren für ein sechsjähriges Grundstudium auf unter 2.000 Euro. Das ist ein Bruchteil dessen, was in Ländern wie Großbritannien oder Spanien (private Unis) faellig wird.
Zur Finanzierung der Lebenshaltungskosten können deutsche Studierende Auslands-BAfoeg beantragen. Auch französische Wohnbeihilfen (APL/ALS) stehen EU-Studierenden offen und können die Mietkosten deutlich senken.
Studienaufbau und Unterrichtssprache
Das französische Medizinstudium gliedert sich in drei große Abschnitte:
1. Zyklus: PASS/L.AS und Grundlagen (2 Jahre)
Im ersten Jahr absolvierst du PASS oder L.AS mit dem Schwerpunkt auf naturwissenschaftlichen und medizinischen Grundlagen. Nach bestandenem Auswahlverfahren folgt das zweite Jahr mit vertieften Grundlagenfächern und einer Einführung in die klinische Arbeit.
2. Zyklus: Klinische Ausbildung (4 Jahre)
Ab dem dritten Studienjahr aändert sich der Alltag grundlegend. Das Verhaeltnis zwischen Theorie und Praxis ist ausgeglichen: Vormittags Uni, nachmittags Krankenhaus. Du arbeitest als sogenannter "Externe" in Kliniken und sammelst umfangreiche praktische Erfahrungen. Besonders bemerkenswert: Im Pflichtpraktikum auf der Notaufnahme sichtest du als Erste/r die Patienten und triffst erste Behandlungsentscheidungen. Diese frühe Verantwortung wird von vielen deutschen Studierenden als besonders wertvoll eingeschaetzt.
Das sechste Jahr schliesst mit einer Abschlussprüfung ab, dem "Epreuves Demateriaisees Nationales" (EDN), das über die Reihenfolge bei der Wahl der Facharztrichtung entscheidet.
3. Zyklus: Facharztausbildung / Internat (3-5 Jahre)
Nach sechs Jahren folgt das Internat (vergleichbar mit der deutschen Facharztweiterbildung). Je nach Fachrichtung dauert es drei Jahre (Allgemeinmedizin) bis fünf Jahre (Chirurgie). Die Rangfolge aus dem EDN bestimmt, wer welche Fachrichtung und welchen Ausbildungsort waehlen darf. Die besten Absolventen haben freie Wahl.
Die Unterrichtssprache ist durchgehend Französisch. Es gibt in Frankreich keine englischsprachigen Medizinstudiengaenge. Für den Umgang mit Patienten und das Bestehen der Prüfungen sind verhandlungssichere Französisch-Kenntnisse unverzichtbar.
Lebenshaltungskosten in Frankreich
Die Lebenshaltungskosten in Frankreich variieren stark je nach Region. Paris ist mit Abstand am teuersten, während Staedte wie Lille, Strasbourg, Montpellier oder Toulouse deutlich günstiger sind. Als Richtwert solltest du mit 900 bis 1.800 Euro pro Monat rechnen.
| Kostenpunkt | Monatliche Kosten (ca.) |
|---|---|
| Unterkunft (WG-Zimmer / Wohnheim) | 400 - 1.000 EUR |
| Lebensmittel | 250 - 400 EUR |
| Offentlicher Nahverkehr | 30 - 80 EUR |
| Krankenversicherung | 0 - 50 EUR (meist über die Securite Sociale abgedeckt) |
| Freizeit und Sport | 80 - 150 EUR |
| Internet und Mobilfunk | 20 - 40 EUR |
| Lernmaterialien | 20 - 50 EUR |
| Sonstiges | 50 - 100 EUR |
Ein großer Vorteil für Studierende in Frankreich: Die Krankenversicherung ist als EU-Buerger über die französische Securite Sociale in der Regel kostenlos oder sehr günstig abgedeckt. Ausserdem kannst du als Studierender französische Wohnbeihilfen (CAF) beantragen, die je nach Miethöhe und Standort mehrere hundert Euro pro Monat betragen können.
Anerkennung des Abschlusses in Deutschland
Frankreich ist EU-Mitglied, daher greift die EU-Berufsanerkennungsrichtlinie. Ein in Frankreich abgeschlossenes Medizinstudium wird in Deutschland anerkannt. Du kannst mit dem französischen Abschluss die Approbation als Arzt in Deutschland beantragen.
Wichtige Punkte zur Anerkennung:
- Wer das Studium in Frankreich beginnt, muss das Auswahlverfahren nach dem ersten Jahr bestehen, damit die Leistungen in Deutschland anerkannt werden.
- Bei Auslandssemestern empfiehlt es sich, möglichst klinische Teile zu absolvieren. Diese werden in Deutschland leichter anerkannt als vorklinische Scheine.
- Klaere Anerkennungsfragen immer im Voraus mit deinem Landesprueefungsamt (LPA) und deiner Heimatuniversitaet, da die Regelungen von Bundesland zu Bundesland variieren können.
Weitere Informationen zur Anerkennung ausländischer Medizinabschluesse findest du in unserem Ratgeber zur Anerkennung.
Famulatur und PJ in Frankreich
Auch wenn du nicht in Frankreich studierst, lohnt sich ein Blick auf die Möglichkeiten für Famulatur und Praktisches Jahr. Frankreich legt enormen Wert auf die praktische Ausbildung, und als Famulant oder PJ-Student profitierst du direkt davon.
- Famulatur: Deutsche Universitaeten vermitteln häufig Famulaturen in Frankreich. Du wirst in die praktische Arbeit eingebunden und kannst von der frühen Patientenverantwortung profitieren. Voraussetzung sind gute Französisch-Kenntnisse.
- PJ-Tertial: Ein PJ-Abschnitt in Frankreich kann über Erasmus-Kooperationen oder direkte Bewerbung organisiert werden. Besonders empfehlenswert sind klinische Aufenthalte, da die praktischen Scheine in Deutschland leichter anerkannt werden.
Reform 2027: Was sich aändern wird
Die französische Regierung hat angekuendigt, das PASS/L.AS-System ab dem Studienjahr 2027 durch ein neues, einheitlicheres Modell zu ersetzen. Die wichtigsten geplanten Aänderungen:
- Vereinfachung der Zugangswege: Statt zwei paralleler Systeme soll es kuenftig ein harmonisiertes Curriculum geben.
- Mehr Chancengleichheit: Die Reform zielt darauf ab, Unterschiede zwischen Universitaeten zu reduzieren und den Zugang gerechter zu gestalten.
- Erweiterte Quereinstiege: Für Bachelor-Absolventen und Fachkraefte aus dem Gesundheitswesen sollen neue Bruecken in das Medizinstudium geschaffen werden.
Für Studierende, die im September 2026 ihr Studium beginnen, wird es eine Übergangsphase geben. Wenn du für 2026 oder 2027 planst, solltest du die Entwicklungen aufmerksam verfolgen und dich direkt bei deiner Wunschuniversitaet über die aktuellen Modalitaeten informieren.
Häufig gestellte Fragen (FAQ)
Ist das Medizinstudium in Frankreich eine gute Alternative zum deutschen NC?
Nur bedingt. Zwar gibt es keinen NC im deutschen Sinne, aber das Auswahlverfahren nach dem ersten Jahr ist extrem selektiv (etwa 70-80 % fallen durch). Ohne exzellente Französisch-Kenntnisse und hohe Lernbereitschaft sind die Chancen gering. Frankreich eignet sich eher für Studierende, die die Sprache bereits sehr gut beherrschen und eine herausragende praktische Ausbildung suchen.
Was passiert, wenn ich das Auswahlverfahren nicht bestehe?
Im PASS-Programm hast du nur einen Versuch. Bestehst du nicht, kannst du im zweiten Jahr in ein L.AS-Programm wechseln und dort einen weiteren Anlauf nehmen. Faellst du zweimal durch, ist ein Medizinstudium in Frankreich nicht mehr möglich. Die absolvierte Zeit wird aber als Wartesemester in Deutschland angerechnet.
Wie hoch sind die Studiengebühren wirklich?
An offentlichen Universitaeten zahlst du als EU-Buerger nur etwa 170 bis 243 Euro pro Jahr plus den CVEC-Beitrag von ca. 105 Euro. Das macht Frankreich zu einem der günstigsten Länder für ein Medizinstudium Überhaupt. Private Hochschulen sind deutlich teurer, spielen im französischen Medizinstudium aber eine untergeordnete Rolle.
Kann ich nach einigen Semestern in Frankreich an eine deutsche Uni wechseln?
Grundsaetzlich ja, aber nur wenn du das Auswahlverfahren nach dem ersten Jahr bestanden hast. Erst dann werden deine Studienleistungen in Deutschland anerkannt. Klinische Scheine werden in der Regel leichter uebertragen als vorklinische. Sprich vorab mit deinem LPA und der gewuenschten deutschen Universitaet.
Du möchtest mehr über deine Optionen erfahren? Vergleiche auch andere Länder wie das Medizinstudium in Italien oder das Medizinstudium in Rumaenien. Oder lass dich persönlich beraten: Zur individuellen Studienberatung.
