Medizinstudium in den Niederlanden

Als eine der beliebtesten Studienfachrichtungen kann in Deutschland wohl jene der Medizin gelten. Leider ist der Zugang zum Medizinstudium jedoch nicht wirklich leicht, denn je nach Bundesland wird für die Zulassung ein Notendurchschnitt im Abitur bzw. ein NC von 1,2 oder sogar 1,0 gefordert. Einem erheblichen Teil der Abiturient/-innen bleibt dann meist nur noch die Umorientierung in eine andere Studienfachrichtung oder das Hinnehmen mehrerer Wartesemester übrig. Alternativ hierzu gibt es jedoch noch eine weitere Möglichkeit: Das Medizinstudium im Ausland. Zahlreiche Länder bieten ein solches für internationale Studierende an und ermöglichen dabei gleichzeitig kulturelle Vielfalt und Erfahrungsräume sowie einen internationalen Austausch und ebensolche Kontakte.

Zu jenen Ländern, die ein solches Studium der Medizin anbieten und gleichzeitig in unmittelbarer Nähe zu Deutschland liegen, gehört beispielsweise die Niederlande. Das Studium trägt hier die Bezeichnung „Geneeskunde“. An den meisten Universitäten kann dieses hauptsächlich in der Landessprache aufgenommen werden, in Groningen und Maastricht wird der Studiengang Medizin jedoch auch auf Englisch angeboten. Beide Städte unterscheiden sich dabei vor allem durch ihre gegensätzliche Lage: Während Groningen im Norden des Landes – wesentlich näher am Meer – und nur etwa 75 km westlich von Ostfriesland liegt, befindet sich Maastricht südöstlich im Landesinneren zwischen Belgien und Deutschland. Die Randlage Maastrichts ist dabei vielerorts spürbar, denn besonders in der Innenstadt finden sich beispielsweise zahlreiche französisch anmutende Geschäfte oder auch Hotels mit Namen wie les Charmes oder Hôtel de l’Empereur. Somit bietet die Niederlande als Studienort vielseitige Möglichkeiten und eröffnet zahlreiche spannende Einblicke in verschiedene Lebensweisen.

Studienaufbau des Medizinstudiums in den Niederlanden

Der Aufbau des Medizinstudiums in den Niederlanden ist nicht direkt vergleichbar mit jenem in Deutschland, denn hier ist die Struktur wesentlich an die Reformen des Bolognaprozesses angepasst. Zunächst legen Studierende dabei einen Bachelor in Medizin (BSc) ab, der etwa drei Jahre in Anspruch nimmt. Daran schließt ein Masterabschluss (MSc) an, der sich über dieselbe Dauer erstreckt. Zuletzt steht für die Studierenden eine einjährige Assistenzarzt-Tätigkeit auf der Agenda. Insgesamt ergibt sich durch diese Struktur zwar ein erhöhter Verschulungsgrad und vor allem zu Beginn des Studiums halten sich Wahlmöglichkeiten stark in Grenzen, es soll so jedoch sichergestellt werden, dass Studierenden eine solide Basis an die Hand gegeben wird, um Ihren späteren Beruf bestmöglich ausüben zu können.

Daher werden erst im weiteren Verlauf des Studiums Wahlmöglichkeiten eröffnet. Generell kann das niederländische Medizinstudium als sehr praxisnah und patientenorientiert bezeichnet werden. Dazu werden beispielsweise Patientenvorlesungen ermöglicht, in welchen Patient/-innen an Vorlesungen teilnehmen und zu ihren Erkrankungen befragt werden dürfen. Dies bietet Studierenden die Möglichkeit, Fachwissen direkt an echten Fällen vermittelt zu bekommen. Zudem dürfen die Studierenden freiwillig bei Operationen zusehen. Für das Medizinstudium in den Niederlanden sollten Interessierte insbesondere ein großes Interesse an naturwissenschaftlichen Fächern wie Biologie, Physik, Chemie aber auch Mathematik mitbringen. Zu den wesentlichen Studieninhalten gehören beispielsweise Anatomie, Genetik und Physiologie, die in der Praxisphase um soziale und kommunikative Fähigkeiten ergänzt werden.

Zulassungsvoraussetzungen für internationale Studierende

In den Niederlanden gibt es keinen Numerus Clausus, das bedeutet zunächst, dass jeder ein Studium aufnehmen kann. Für einige Studiengänge wurde jedoch ein sogenannter Numerus Fixus festgelegt – so auch für den Studiengang Medizin. Dies bedeutet, dass es nur eine bestimmte Zahl an Studienplätzen gibt, da in betroffenen Studiengängen die Anzahl der Bewerber/-innen meist sehr viel höher ist als das Studienplatzangebot. Um entsprechende Entscheidungen treffen zu können, wer einen Platz erhält, werden niederländische Studierende verschiedenen Gruppen – A, B, C, D und E – zugeordnet. Die Zugehörigkeit zu diesen richtet sich dabei nach den Durchschnittsnoten im niederländischen Abitur. Niederländische Studierende, die diese in ihrer Heimat mit 80 Prozent oder besser abschließen konnten, fallen hier in die Gruppe A und bekommen sofort einen Studienplatz. Anschließend wird allen Interessierten der Gruppe B ein Studienplatz zugelost und dann die Gruppe C betrachtet. Dieser Prozess wird mit allen Gruppen weitergeführt, sofern nicht bereits alle Plätze nach der Auslosung beispielsweise der Gruppe B besetzt sind. Sollte dies allerdings geschehen, bieten Universitäten und Fachhochschulen in den Niederlanden verschiedene Übergangsangebote aus den Bereichen Medizin und Gesundheit an, die wiederum bei einer erneuten Bewerbung Vorteile haben können.

Zum Angebot gehören hier Medizinische Naturwissenschaften, Gesundheitswissenschaften, Pharmazie, Krankenpflege oder Biomedizinische Wissenschaft. Um möglichst frühzeitig über die Anzahl der zu vergebenden Studienplätze informiert zu sein, veröffentlicht die „IB-Groen“ jährlich eine Übersicht. Wird beispielsweise ein deutsches Abitur nachgewiesen, wobei Mathematik bis in die Oberstufe teil des Curriculums war und die niederländische Sprache bis zu einem Niveau der Stufe NT2 gelernt wurde, erfolgt eine automatische Zuteilung in Gruppe C. Insbesondere Für die englischsprachigen Studiengänge werden zudem Sprachzertifikate wie TOEFL oder IELTS verlangt, für die niederländischen Studiengängen können im Vorfeld Sprachkurse belegt werden. Einige Hochschulen bieten hierfür vier- bis sechswöchige Intensivkurse an. Die niederländische und deutsche Sprache ähneln sich jedoch sehr, sodass der überwiegende Teil der Deutschen einen solchen Sprachkurs problemlos meistert.

Über sprachliche Kenntnisse hinaus sind für ein Medizinstudium in den Niederlanden gute Kenntnisse in Biologie, Chemie und Physik nachzuweisen. Während diese Fächer bei den niederländischen Schüler/-innen bis zum Schulabschluss auf dem Stundenplan stehen, ist dies bei deutschen Schüler/-innen nicht zwangsläufig der Fall. Aus diesem Grund wird auch von internationalen und/ oder deutschen Bewerber/-innen verlangt, dass sie diese naturwissenschaftlichen Fächer bis in die Oberstufe beziehungsweise bis zum Abitur belegt haben. Alternativ besteht hier die Möglichkeit, ein möglicherweise fehlendes Fach nachzuholen. Externe Institute bieten hierfür entsprechende Kurse an.

Bewerbungsprozess an Universitäten in den Niederlanden

Wichtig zu wissen ist für den Bewerbungsprozess für ein Studium in den Niederlanden vor allem, dass sich Studierende ihr deutsches Zeugnis sicherheitshalber rechtzeitig vom “Ministerie van Onderwijs, Cultuur en Wetenschappen” (Bildungsministerium der Niederlande) anerkennen lassen sollten, um den Bewerbungsprozess nicht unnötig zu verzögern. Abgesehen davon kann der Bewerbungsprozess als verhältnismäßig unkompliziert betrachtet werden. Dieser muss online über die zentrale Vergabestelle für Hochschulzulassung (Studielink) erfolgen. Hier – über die Studielink-Webseite – kann die Bewerbung dann auch in deutscher Sprache eingereicht werden. Zur Bewerbung gehören dabei alle üblichen (Ausweis-)Dokumente. Genauere Angaben werden auf der genannten Seite bereitgestellt und sollten zuvor noch einmal überprüft werden. Als Bewerbungsfrist für ein Studium der Medizin in den Niederlanden gilt dabei üblicherweise der 15. Januar, als Studienbeginn in der Regel der 1. September eines jeden Jahres.

Universitätslandschaft in den Niederlanden

Wie das deutsche Hochschulsystem unterscheidet auch das niederländische zwischen den eher praxisorientierten Fachhochschulen („hogeschool“) und Universitäten („universiteit“). Nach der Finanzierungsart betrachtet, lassen sich jedoch drei Hochschultypen unterscheiden: Zum Einen gibt es hier Hochschulen, welche durch das niederländische Ministerium für Bildung, Kultur und Wissenschaft („Ministerie voor Onderwijs, Cultuur en Wetenschap“) finanziert werden, weiterhin Hochschulen, die völlig ohne Finanzierung von öffentlicher Seite auskommen, aber das Recht besitzen, gesetzlich anerkannte Abschlüsse zu verleihen („aangewezen instellingen“), und zu guter letzt finden sich in den Niederlanden ebenso wie in Deutschland klassische Privathochschulen.

Die „Öffentlich finanzierten Institutionen“ – dazu gehören 13 Universitäten, die Open University sowie zusätzlich mehr als 50 Fachhochschulen – die wie erwähnt vom Bildungs- oder Wirtschaftsministerium finanziert werden, besitzen die Befugnis, rechtlich anerkannte Abschlüsse zu verleihen. Hier werden Studiengänge angeboten, die sich im Rahmen der gesetzlich festgelegten Studiengebühren bewegen. „Öffentlich genehmigte Institutionen“ (wie etwa die Nyenrode Business University) sind dagegen als Einrichtungen zu verstehen, die finanziell nicht durch die niederländische Regierung unterstützt werden, jedoch trotzdem die Berechtigung besitzen, offiziell anerkannte Bachelor- und/ oder Masterabschlüsse zu verleihen. Diese Institutionen sind frei in der Bestimmung beziehungsweise Festlegung der Höhe ihrer Studiengebühren. Im Vergleich dazu sind „Private Institutionen“, beispielsweise ausländische Universitäten, gänzlich von den Vorschriften der niederländischen Regierung unabhängig. Sie können bei der Niederländisch-Flämischen Akkreditierungsorganisation („Nederlands-Vlaamse Accreditatieorganisatie, NVAO“) eine Akkreditierung beantragen, sofern sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.

Zwei Universitäten bieten ein Medizinstudium für internationale Studierende in englischer Sprache an: Jene in Groningen und Maastricht. Die Quote ausländischer Studierender betrug unabhängig vom Studiengang im Jahr 2018 10,23 Prozent. Ein Großteil dieser Studierenden kam dabei aus Deutschland, gefolgt von China, Belgien, Griechenland und Italien. Vom DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) gefördert wurden im genannten Jahr 2018 insgesamt 2.088 Deutsche.

Kosten eines Medizinstudiums in den Niederlanden

Zum einen werden in den Niederlanden Studiengebühren erhoben, darüber hinaus sind aber auch die Lebenshaltungskosten nicht wirklich geringer als in Deutschland. Dementsprechend erweist sich das Studentenleben in den Niederlanden als vergleichsweise teurer. Beispielsweise im Studienjahr 2015/16 lagen die Studiengebühren hier bei etwa 1950 Euro und wurden infolge jährlicher Anpassungen im Folgejahr 2017/18 auf 2006 Euro erhöht. Diese Steigerungsrate ist üblich und beträgt jährlich etwa zwei bis drei Prozent, im Jahr 2019/20 betrugen die Gebühren dementsprechend bereits 2083€. Das Medizinstudium in den Niederlanden kann jedoch in verschiedener Weise finanziell gefördert werden, etwa durch das sogenannte Auslands-BAföG. Zudem können niederländische Stipendien oder auch Kredite – etwa der „Collegegeldkrediet“ (ein verzinstes Darlehen) oder eine Studienfinanzierung für Studierende, die mindestens 56 Stunden neben dem Studium arbeiten – betragt werden.
Für die Lebenshaltungskosten sollten in den Niederlanden etwa 800 – 1100€ monatlich eingeplant werden. Die Kosten für öffentliche Verkehrsmittel belaufen sich dabei auf etwa 60€. Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, die ein Medizinstudium für internationale Studierende anbieten, fallen vor allem die Mieten in den niederländischen Universitätsstädten recht hoch aus. Bereits eine 1-Zimmer-Wohnung kann hier einen finanziellen Aufwand von 600€ monatlich erfordern.

Anerkennung von Studienleistungen in Deutschland

Zwar ist die Anerkennung von Studienleistungen innerhalb der EU in den letzten Jahren deutlich vereinfacht worden, das Medizinstudium stellt hier jedoch häufiger noch immer einen Spezialfall dar, da es – zumindest in Deutschland – nicht generell an das Bachelor-Master-System wie etwa in den Niederlanden angepasst wurde. Es empfiehlt sich daher, bereits im Vorfeld der Frage nach der Anerkennung nachzugehen. Hilfestellung bietet hierfür beispielsweise der DAAD.

Vor- und Nachteile eines Medizinstudiums in den Niederlanden

Vorteile

  • vergleichsweise unkomplizierter Bewerbungsprozess
  • finanzielle Förderung möglich, bspw. durch Auslands-BAföG
  • Nähe zu Deutschland
  • praxisnahe Ausbildung
  • Sprachfähigkeiten und interkulturelle Kompetenzen

Nachteile

  • Erhebung von Studiengebühren
  • Zulassung im Rahmen des Numerus Fixus, ein Studienplatz ist nicht zwangsläufig garantiert
  • Anerkennung sollte vorab geklärt werden

Fazit

Wenngleich ein Medizinstudium in den Niederlanden etwas mehr finanziellen Aufwand erfordert, bietet es doch auch einen besonderen Komfort für all jene, die in Deutschland aufgrund des Numerus Clausus keine Möglichkeit auf ein solches Studium haben und ihr Auslandsstudium dennoch in unmittelbarer Nähe zur Heimat absolvieren wollen. Darüber hinaus spricht aber vor allem auch die Ausbildung selbst für sich: Patientenvorlesungen und das Zusehen bei tatsächlichen Operationen bieten den Studierenden einmalige Chancen, bereits früh bedeutende Praxiserfahrungen zu sammeln. Im Vergleich zum Studium an deutschen Universitäten sind Studierende hier zudem gewissermaßen gezwungen, ihre Sprachfähigkeiten zu erweitern und können diese dementsprechend im weiteren Verlauf auch als Chance für eine internationale Karriere nutzen.

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