Medizinstudium in Ungarn

„Jedem seine eigene Leiche“ – getreu diesem Motto kann man das Medizinstudium in Ungarn charakterisieren. Muss man sich als Student an deutschen Universitäten manchmal ein Sezierobjekt mit gleich einem Dutzend anderer Studenten teilen, sieht die Situation in Ungarn anders aus. Kleine Gruppen von maximal 20 Personen bieten eine optimale Lernumgebung.

Ungarisch steht nur auf Platz 50 der wichtigsten Sprachen der Welt, und würden die Vorlesungen in dieser Sprache gehalten, wäre das Interesse der ausländischen Studenten höchstwahrscheinlich um einiges geringer. Doch seit über 20 Jahren bietet die berühmte Semmelweis-Universität für Medizin im Herzen Budapests nun schon Studiengänge auf Deutsch und Englisch an. Seit der Einführung dieser „fremdsprachlichen“ Medizinstudiengänge steigt das Interesse internationaler, besonders aber deutscher Studenten kontinuierlich. Schon heute bewerben sich pro Semester über 1000 Studenten an der Semmelweis-Universität – 150 werden angenommen.

Neben der 1769 gegründeten Semmelweis-Universität, die nach dem Gynäkologen und Entdecker des Kindbettfieber-Erregers, Ignaz Philipp Semmelweis, benannt wurde, bieten auch die Szent-Györgyi Universität im südungarischen Szeged, die Uni in Pécs und die Veterinärmedizinische Szent István-Uni in Budapest medizinische Studiengänge in deutscher und englischer Sprache an.

Auf den ersten Blick unterscheidet sich das Medizinstudium in Ungarn nicht großartig von von dem in Deutschland. Das Studium ist seht straff organisiert, dauert inklusive Praxisjahr bis zur Abschlussprüfung 6 Jahre und ist sehr stark an der schulischen Unterrichtsweise ausgerichtet. Dennoch bietet das Studium in Ungarn den Studenten ungeahnte Vorteile: Die Lebenshaltungskosten in Budapest sind sehr viel geringer als in Deutschland (z.B. kostet eine 100 qm-Wohnung mitten in der Innenstadt nur etwa 400 Euro warm, ein Mensaessen nur rund 1,70 Euro). Und studiert man nicht in Ungarns Hauptstadt, so kann man sich auf noch weniger Kosten freuen. Außerdem ist das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten sehr viel enger. Jeder kennt jeden – man ist nicht bloß irgend eine Matrikelnummer, mit der niemand ein Gesicht verbinden kann. Die Studenten lernen in festgelegten Gruppen von etwa 15 bis 20 Personen, jeder Gruppe ist ein Professor zugeteilt.

Aufbau des Medizinstudiums in Ungarn

In Ungarn wird das Studium nach Jahren und nicht nach Semestern gerechnet. Dennoch ist das Medizinstudium ähnlich aufgebaut wie in Deutschland.

Die ersten beiden Jahre, die sogenannte Vorklinik, dienen eher der theoretischen Wissensbildung, wobei jedoch auch die praktische Arbeit an den vorhin schon erwähnten Leichenteilen nicht zu kurz kommt. Ab dem dritten Studienjahr beginnt der klinische Abschnitt, der durch praktische Phasen in verschiedenen Instituten gekennzeichnet ist. Spätestens hier empfiehlt es sich, wenigstens die Grundzüge der ungarischen Sprache zu beherrschen, denn sonst fällt die Kommunikation mit den Patienten doch eher schwer. Im sechsten Studienjahr, dem praktischen Jahr, werden die erworbenen Kenntnisse durch mehrere Praktika vertieft und gefestigt.

Regelmäßige Tests während des Semesters sollen sicherstellen, dass sich auch alle Studenten auf einem gleichen Leistungsstand befinden. Im Gegensatz zum deutschen Studium wird jedoch hier auf das spezielle Wissen jedes einzelnen sehr viel mehr Rücksicht genommen: im Gegensatz zu den in Deutschland üblichen Multiple-Choice-Tests werden hier in der Regel alle Prüfungen mündlich absolviert. So bleibt mehr Spielraum, das Gelernte auch übergreifend anzuwenden.

Nach sechs Jahren wird das Studium mit einer Abschlussarbeit abgeschlossen und der Titel „Dr. med“ verliehen.

Bewerbung zum Medizinstudium in Ungarn

Zulassungsvoraussetzung ist in erster Linie das Zeugnis der Allgemeinen Hochschulreife (Abitur). Hierbei wird besonders auf gute Noten in den Fächern Mathe, Physik, Biologie und Chemie Wert gelegt. Die letztliche Durchschnittsnote des Abiturs spielt, anders als in Deutschland, eine zweitrangige Rolle.

Zudem werden natürlich bereits abgeleistete Praktika im Gesundheitswesen mit Wohlwollen betrachtet. Eine Aufnahmeprüfung im herkömmlichen Sinne gibt es an den ungarischen Universitäten nicht. Auch der in Deutschland so gefürchtete Numerus Clausus wird in Ungarn nicht angewendet. Es wird tatsächlich nur nach Schulnoten bzw. praktischen Erfahrungen ausgewählt.

In Ausnahmefällen besteht sogar für Interessierte ohne Abitur die Möglichkeit, einen Studienplatz an einer ungarischen Uni zu ergattern. Gute Kenntnisse in den oben beschriebenen Fächern sowie praktische Erfahrungen spielen hier eine Rolle. Zudem muss in diesem Fall eine Zulassungsprüfung abgelegt werden.

Ausführlich informieren kann man sich über die Bewerbungsvoraussetzungen auf den einzelnen Homepages der besagten Universitäten.

Termine und Fristen

In Ungarn kann das Studium immer nur zum Wintersemester des Jahres aufgenommen werden. Deshalb liegen die Bewerbungsfristen innerhalb der Monate Februar bis Juli des jeweiligen Jahres. Dies ist jedoch je nach Uni etwas unterschiedlich. Auch hier empfiehlt sich der Blick auf die universitätseigene Homepage.

Vorgefertigte Bewerbungsunterlagen kann man sich durch die Deutschen Studiensekretariate der einzelnen Universitäten zukommen lassen.

Kosten des Medizinstudiums in Ungarn

Natürlich, wie sollte es auch anders sein, hat auch das Studium in Ungarn einen mehr oder minder großen Haken: die Studiengebühren. Um sich solch aufwendige Studiengänge in deutscher und englischer Sprache überhaupt leisten zu können, müssen die Universitäten die entstehenden Kosten an die Studenten übertragen. Die Gebühren belaufen sich pro Studienjahr auf einen Betrag zwischen 8.500 und 10.500 Euro.

Aufgrund dieser horrenden Summen wird häufig behauptet, das Studium in Ungarn wäre nur etwas für Kinder reicher Eltern, die für ein Studium in Deutschland nicht die erforderlichen Noten mitbrächten. Ob sich die Situation tatsächlich so darstellt, bleibt ungewiss. Fakt ist, dass sich bestimmt nicht jeder normale Student einen so hohen finanziellen Aufwand erlauben kann und die Unterstützung durch den Staat bzw. die Eltern in vielen Fällen unumgänglich ist.

Für solche Fälle hat die EU verschiedene Arten von Stipendien eingeführt (z.B. Erasmus, Soktates), um es auch weniger gut betuchten Studenten zu ermöglichen, wenigstens einen Teil ihres Studiums im Ausland absolvieren zu können.

Famulatur in Ungarn

Neben einem vollständigen Studium in Ungarn besteht des weiteren die Möglichkeit, seine Famulatur in einer ungarischen Einrichtung abzuleisten. In den meisten Fällen ist es nicht besonders schwierig einen solchen Platz zu ergattern und die dortigen Ärzte freuen sich über interessierte Studenten aus dem Ausland. Schriftliche Bewerbungen bei den Instituten vor Ort treffen oft auf ein offenes Ohr.

Im Verlauf des ordentlichen Medizinstudiums gibt es eine Reihe von praktischen Arbeiten, die die Studenten ableisten müssen. Diese sind der in Deutschland bekannten Famulatur nachempfunden.

Anerkennung eines Ungarn Studiums

Die Universitäten in Ungarn orientieren sich neuerdings an dem sich immer weiter ausbreitenden European Credit Transfer System (ECTS). Dieses System soll dazu dienen, Studiengänge und deren Abschlüsse in verschiedenen Ländern vergleichbarer zu machen. So wird sichergestellt, dass auch ein Abschluss an einer ungarischen Uni in ganz Europa anerkannt wird.

Nach Ableistung aller Prüfungen und der Erstellung der Facharbeit ist man dazu berechtigt, in ganz Ungarn seinen Beruf auszuüben. Auch in allen restlichen Ländern der EU ist die Anerkennung des erworbenen Diploms ohne Probleme möglich. Außerhalb der EU orientiert sich die Anerkennung an den Kriterien des jeweiligen Landes. Hierüber sollte man sich im Vorhinein informieren, wenn man mit dem Gedanken spielt, nach dem Ungarn-Studium außerhalb Europas arbeiten zu wollen.

Universitäten in Ungarn mit Medizin-Studienplätzen

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